Die ersten Synchronversuche

Der Siegeszug des Tonfilms war nicht mehr aufzuhalten. Doch damit entstand ein bislang nicht bekanntes Problem: wie sollte man fremdsprachige Filme dem einheimischen Publikum präsentieren? Am Anfang war es einfach; der Reiz des Neuen war so groß, das das Publikum darüber die fremde Sprache vergaß. Doch schon bald ließ der Reiz nach; denn was nützt die Sprache, wenn man sie nicht versteht? Als 1929 in Berlin „Sonny Boy/ The Singing Fool“ aufgeführt wurde (einer der ersten [Teil-]tonfilme), kürzte man die Dialogszenen und setzte dafür Zwischentitel ein, die die Handlung notdürftig übersetzten. Eine weitere Möglichkeit war die Dialoge mit Untertiteln (damals nannte man das einkopierte Zwischentexte) notdürftig zu übersetzten. Wobei –je nach Tempo der Dialoge- nur eine Teil übersetzt werden kann. Die teuerste Möglichkeit war der Versionfilm. Ein Film wurde dabei in mehreren Sprachversionen gedreht. Dafür wurden Schauspieler aus verschiedenen Ländern engagiert, die die Filme in ihrer Heimatsprache abdrehten. So setzte 1930 eine regelrechte „Völkerwanderung“ von deutschsprachigen Schauspielern nach Hollywood ein: Heinrich George, Gustav Diessl, Gustav Fröhlich, Egon von Jordan, Hans Junkermann, Nora Gregor uva. machten sich auf, um dort in deutschsprachigen Versionen mitzuwirken. Kompliziert wurde es, wenn Stars nicht einfach ausgetauscht werden konnten: Komiker wie Laurel & Hardy oder Buster Keaton konnte man nicht einfach durch Muttersprachler ersetzen. So mussten sie wohl oder übel in den jeweiligen Sprachen drehen. Sie lernten phonetisch ihre Texte und mühten sich so gut es ging mit der jeweiligen Sprache ab- das führte meist schon an sich zu Heiterkeitserfolgen. Während MGM oder Warner ihre fremdsprachigen Fassungen in Hollywood herstellte, ging Paramount einen anderen Weg: man kaufte Filmstudios in Joinville bei Paris und stellte dort die Filme für den europäischen Markt her. Das Kapitel der Versionenfilme war allerdings nur kurz. Bereits 1931 stellten MGM und Warner aufgrund der hohen Kosten die Herstellung von fremdsprachigen Versionen ein. Ebenso machte es Paramount in Joinville. Ausdauernder war der deutsche UFA-Konzern, der bis Ende der 1930er Jahre vor allem französische Versionen herstellte.

Eine wesentlich kostengünstigere Variante als das Drehen von Versionenfilmen, war die Herstellung von Synchronisationen, d.h. hier wurden die Dialoge lippengerecht (synchron) übersetzt und dem Film als Tonspur beigegeben. Als erste Filmgesellschaft versuchte sich Universal an dieses damals noch technisch schwierige Unterfangen. Universal holte sich die deutschen Regisseure Friedrich Zelnik und Kurt Neumann in die USA um unter deren Leitung die ersten deutschsprachigen Synchronfassungen herstellen zu lassen. Zunächst wurden die Musicals „Broadway“ und „Das Komödiantenschiff/ Showboat“ ins Deutsche übersetzt. „Das Komödiantenschiff“ war nur ein Teiltonfilm, d.h. er wurde ursprünglich als Stummfilm gedreht, aber nach dem Erfolg der ersten Tonfilme nachträglich mit Dialogsequenzen versehen. Die Filme wurden zunächst für das deutschsprachige Publikum in den USA aufgeführt; es war aber auch ein Export nach Deutschland vorgesehen. Das aber führte zu ungeahnten Schwierigkeiten. Universal überließ der UFA „Das Komödiantenschiff“ für Testvorführungen in Berlin. Am 11. Juni 1929 fand im Berliner Zoopalast eine erste Probevorführung der deutschen Synchronfassung statt. Da die deutsche Synchronfassung im amerikanischen Western-Electric Tonsystem aufgenommen wurde, in Deutschland aber hiesige Klangfilm-Vorführgeräte zur Verfügung standen, kam es zu Problemen bei der Tonwiedergabe: der Ton war leise und undeutlich. Am nächsten Tag versuchte man es erneut: die gleichen Probleme. Weitere Testvorführungen am 24., 26. und 27. Juni brachten keine Besserung. Aufgrund dieser technischen Probleme (zu dem auch noch rechtliche Probleme kamen), lief der Film letztendlich erst am 29.07.1930 in Deutschland an- als Stummfilm! Nicht besser erging es „Broadway“- auch er lief in Deutschland nur in stummer Version. Immerhin gelangte der Film aber in Österreich in deutscher Synchronfassung zur Aufführung (Dez. 1929). Aber am 18.01.1930 war es dann soweit: United Artists präsentierten den ersten deutsch synchronisierten Hollywoodfilm in Deutschland: „Der Tollpatsch/Lummox“. Der Film war allerdings ein glatter Reinfall. Hier die Rezension des Kritikers der „Berliner Börsen Zeitung“ vom 14. Januar 1930: „Im Rahmen einer Sonderveranstaltung vor geladenen Gästen zeigten United Artists im Mozartsaal ihren Tonfilm „Der Tolpatsch“ (Lummox). Das Novum dieses Films bestand darin, daß die deutsche Version erst nachträglich hergestellt worden ist und zwar hatte man in genauer zeitlicher Dauer der im Film sichtbaren Lippenbewegungen nachträglich deutsche Sprecher dazu deutsche Worte sprechen lassen. Ein an sich nicht uninteressantes Experiment. Es erwies sich aber, daß dabei das letzte bißchen Geist und Beseelung flöten geht. Zunächst mußte man die Feststellung machen, daß zwar die deutschen Worte der Länge nach zu den amerikanischen Lippenbewegungen paßten, aber nicht der Mundbewegung nach, außerdem deklamierten die nachträglichen deutschen Sprecher in einer oft geradezu unerträglichen Weise, man wurde an übelste Vorstadtschmiere erinnert und dazu kam noch, daß sie -offenbar hauptsächlich unter dem Zwange der gegebenen Sprechlängen- vielfach unerträglich triviales Zeug zu reden hatten. Man war sich allgemein darüber klar, daß dieses Experiment, für das unbegreiflicherweise der zur Zeit in Hollywood weilende Friedrich Zelnik verantwortlich zeichnet, restlos mißlungen ist. Man wird nach diesem Machwerk überhaupt von Zelnik abrücken müssen, bis er von den Filmhandwerkern wieder zu den Filmkünstlern zurückgefunden hat. Der von Herbert Brenon inszenierte Film war im übrigen ganz dazu angetan, daß sachverständige Publikum baß in Erstaunen zu versetzen. Man glaubte sich um zwanzig Jahre zurückversetzt, eine so unbeschreiblich schwülstige Kitschgeschichte (der tränenreiche Roman eines amerikanischen Dienstmädchens) wurde einem da vorgesetzt, und die uns bisher durchweg unbekannten amerikanischen Darsteller spielten mit so übertriebenen Gesten, daß es sich augenscheinlich um blutige Dilettanten handelt. Das -wie gesagt sachverständige- Publikum saß gestern zuerst ganz erstarrt da vor Staunen, man glaubte nicht richtig zu sehen, oder zu träumen, dann begann man allgemein die schauerliche Tragik der Geschehnisse humoristisch zu nehmen und bald amüsierte man sich dabei besser, als bei einem Lustspiel. Nur aus Höflichkeit gegen die gastgebende Firma gab es zum Schluß nicht das in solchen Fällen sehr wohltuende Pfeifkonzert, das niemals mehr am Platze gewesen wäre, als hier. Halten die Amerikaner uns denn für vollständige Idioten, daß sie es wagen, uns so indiskutables Zeug als bemerkenswerte Leistung anzubieten? F.O. „Soweit die zeitgenössische Kritik zu einem der ersten synchronisierten Filme in Deutschland.

Im Sommer 1930 wurden die Patentstreitigkeiten im „Pariser Tonfilmfrieden“ beigelegt. Genormte Projektoren sorgten dafür, dass das Tonaufnahmeverfahren keinerlei Schwierigkeiten mehr bereiten konnte. Inzwischen hatte Universal eine deutsche Tochterfiliale, die „Deutsche Universal“ gegründet. Geleitet wurde diese von Paul Kohner. Im Sommer 1930 stieß Kohner auf das sogenannte „Rhythmographie-Verfahren“ von Carl Robert Blum, welches er schon 1926 patentieren ließ und das man auch für die Musikbegleitung von Stummfilmen benutzen konnte. Viktor Abel konstruierte dazu eine Apparatur, welche man zur Synchronisation fremdsprachiger Filme benutzen konnte. Kohner ließ daraufhin von der „Rhythmographie“ den Film „Der Kapitän der Garde/ The Captain of the Guard“ deutsch synchronisieren. Der Film kam im Oktober 1930 in die deutschen Kinos. Der bekannteste Film dieser Jahre war sicherlich „Im Westen nichts Neues“, dessen deutsche Synchronfassung, hergestellt bei der „Rhythmografie“, am 04. Dezember 1930 seine deutsche Erstaufführung hatte. Die Deutsche Universal ließ 1930/31 einige seiner Film bei der „Rhythmographie“ eindeutschen. Danach ließ Universal seine deutschen Synchronfassungen in den JOFA-Ateliers in Berlin-Johannisthal herstellen.

Wie funktionierte dieses „Rhythmographie-Verfahren“? Vereinfacht muss man es sich folgendermaßen vorstellen: die Sprecher standen vor einer Art Kasten, in der die Dialoge in einem Laufband abliefen. Das Laufband lief im Tempo der zu synchronisierenden Sätze ab.

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„Rhythmografie“-Apparat

Noch komplizierter war das sogenannte „Topoly“- Verfahren, das eine sogenannte „Gerst-Dirigierscheibe“ einsetzte, benannt nach ihrem Erfinder, dem Ingenieur Gerst. Die Sprecher standen hier vor einer großen Scheibe, auf der der zu synchronisierende Text auf einem Vergrößerungsglas zu sehen war. Dieses Verfahren, welches von der „Topoly“ („Tobis-Polyphon“) angewandt wurde, hielt sich nur ein knappes Jahr in den Synchronstudios- kein Wunder bei der Kompliziertheit! Das „Rhythmographie-Verfahren“ hielt sich wesentlich länger. Denn schon bald wurde das Laufband zusammen mit dem Film auf die Leinwand projiziert und die Schauspieler sprachen darauf ihren Text. Auch damals schon wurde der Film in viele kleine Abschnitte, sogenannte „Takes“ unterteilt. Später verzichtete man auch auf das Laufband und die Sprecher lernten ihre Texte auswendig und sprachen sie dann synchron zum Bild.

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Synchronisieren mit der „Topoly“-Scheibe

Bis 1933 wurden allerdings die meisten deutschen Synchronfassungen gar nicht in Deutschland hergestellt. MGM stellte Mitte 1931 die Herstellung von fremdsprachigen Filmversionen ein und ließ stattdessen synchronisieren- und zwar in Hollywood. Den Schauspielern, die man für die Versionsfilme verpflichtet hatte, wurde nun angeboten, im Synchronstudio ihre Stimme zu verleihen. Paramount ging einen ähnlichen Weg. Auch hier wurde die Produktion der Versionen eingestellt und stattdessen synchronisiert. Allerdings nicht in Hollywood, sondern in Joinville bei Paris. Über diese Synchronfassungen ist leider nur wenig bekannt. MGM z.B. präsentierte die Synchronfassungen z.B. als „deutscher MGM-Film“. Es gab keinen Hinweis auf den Dialogautor, auf den Regisseur oder gar auf die deutschen Sprecher. Auf den wenigen noch erhaltenen und zugänglichen Synchronfassungen von MGM findet man keinerlei Hinweise auf die Herstellung der deutschen Synchronfassung. Vermutlich sollte den Zuschauern weisgemacht werden, die US-Schauspieler wären der deutschen Sprache mächtig. Der deutsche Regisseur Edgar G. Ulmer, seit 1930 in Hollywood, soll die deutschen Dialoge im Garbo-Melodram „Menschen im Hotel“ geleitet haben. Im gleichen Film wirkten Aida Stuckering als Stimme der „Göttlichen“ und Egon von Jordan als deutsche Stimme von John Barrymore mit. Egon von Jordan sprach bei MGM auch mehrfach für den damals sehr beliebten Ramon Novarro. Aida Stuckering sprach in drei Filmen Greta Garbo.

Noch weniger ist derzeit über die Synchronisationen der Paramount in Joinville bekannt. Als gesichert kann man annehmen, dass die deutschsprachige Synchronabteilung von Jakob Karol geleitet wurde, einem deutschen Filmproduzenten. Zu den Sprechern gehörte der damals vielbeschäftigte Harry Frank. Frank wurde später, als Paramount in Berlin synchronisieren ließ, oft als Synchronregisseur eingesetzt.

Das Kapitel der deutschen Synchronisationen im Ausland hatte sich allerdings im Laufe des Jahres 1933 erledigt. Denn bereits 1932 hatte die damalige Reichsregierung Brüning verfügt, dass Filme für den deutschen Markt auch nur in Deutschland synchronisiert werden durften (offensichtlich dauerte es aber einige Zeit, bis die Verfügung in Kraft trat; denn MGM z.B. synchronisierte Anfang 1933 noch in den USA).

Eine der bekanntesten Synchronfirmen Deutschlands war zu jener Zeit die Tobis-Melofilm, eine Tochter der Tobis. Ab 1931 wurde in den Vitascope-Ateliers in Berlin, Lindenstraße 32-34 synchronisiert. Die Tobis übernahm ab 1935 die JOFA-Ateliers in Johannisthal. Vermutlich hat die Tobis-Melofilm ab dann auch in Johannisthal synchronisiert. Sehr viele Filme wurde von der Firma Lüdtke, Dr. Rohnstein & Co. (Später: Lüdtke & Rohnstein) synchronisiert. Lt. „Cinegraph“ waren Lüdtke, Dr. Rohnstein & Co. die „arisierten“ Nachfolger des „Rhythmographie“-Studios am Halleschen Tor. Dr. Konrad P. Rohnstein arbeitete seit 1930 für die Rhythmographie.

Die frühen Synchronisationen hatten hauptsächlich mit zwei Problemen zu kämpfen. Erstens standen bis etwa 1932 keine wirklich geeigneten Schnitt- und Tonmischverfahren zur Verfügung. Ein weiteres Problem war die Übersetzung der Dialoge. Die Dialoge sollte einerseits korrekt übersetzt, andererseits aber auch lippensynchron sein. Damit hatte man anfangs seine Probleme. Es kam schon vor, dass man die Sätze auf Gedeih und Verderb auf lippensynchron brachte- die Logik des gesprochenen Satzes aber auf der Strecke blieb. Auffällig bei den frühen Synchronisationen ist heute auch, dass man an der einen oder anderen Stelle den Ton als steril empfindet.

Kritiker lehnten in der Frühphase die Synchronisation ab. Sie bemängelten die schlechte Übersetzung, mokierten sich über teilweise fehlende Synchronität zu den Mundbewegungen der Schauspieler. Und sie ereiferten sich über die Tatsache an sich, dass man ausländischen Schauspieler fremde Stimmen verpasste.

Angeblich sollen auch die Kinobesucher die frühen Synchronisationen abgelehnt haben; aus den bei den Kritikern genannten Gründen. In wie weit das den Tatsachen entspricht, lässt sich nach über 80 Jahren natürlich nur noch schwer ermitteln.

Tatsache ist jedenfalls, dass spätestens ab Mitte der 1930er Jahre fast alle ausländischen Filme deutsch synchronisiert wurden. Filme in Originalfassung mit deutschen Untertiteln liefen fast nur noch in den großen Städten. Auf dem „Lande“ wurden die Filme praktisch nur noch in Synchronfassung aufgeführt. Die meisten der Filme wurden in Berlin erstaufgeführt. In der Regel erfolgte dort die Erstaufführung im Original mit deutsch einkopierten Texten (so der damalige Sprachgebrauch). Allerdings wurden die Synchronfassungen zeitgleich oder mit kurzer Verzögerung in Umlauf gebracht.

Im Nachbarland Österreich liefen in der Regel die deutschen Synchronfassungen. Allerdings arbeitete man auch daran, eigene Synchronfassungen für den einheimischen Markt herzustellen. Das Problem war, dass viele erfolgreiche Filme in Deutschland keine Zulassung bekamen, andererseits aber im Original mit Untertiteln nicht allzu erfolgreich liefen. Ab Mitte der 1930er Jahre versuchte die Selenophon-Gesellschaft in Wien, eigene Synchronfassungen herzustellen. Ab 1937 kamen so einige Filme in österreichischer Synchronfassung in die Austria-Kinos. Zuvor wurden deutsche Sprachfassungen für Österreich u.a. in Rom hergestellt.

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